Fühlst Du Dich anders?

Kennst Du das, dass Du Dich irgendwie anders fühlst – vielleicht schon lange.
Und dass Du unterwegs bist und irgendetwas suchst, aber gar nicht genau weißt, was eigentlich. 

Ständig unterwegs sein

Genau das begegnet uns oft in der Welt draußen: Wir sehen Plakate von sportlichen Leuten, die zu Fuß oder mit neuen Autos unterwegs sind. Das Leben soll spannend sein und mehr bieten. Bloß nicht anhalten und Langeweile aufkommen lassen. Immer weiter unterwegs sein.

Wer sagt, dass wir weiter suchen sollen?

Damit liegen wir voll im Trend 🙂 Immer höher, schneller, weiter, immer besser. Immer in Bewegung. Vielleicht im Dienst für eine gute Sache. Aber unterwegs.

Wir lernen vieles auf dem Weg, finden Schätze am Rand, bekommen Bestätigung.
Aber: wir sind weiter unterwegs.

Es gibt einen Unterschied zwischen den Menschen, die auf der Suche sind, unterwegs, weil sie etwas erreichen oder ändern wollen – teils mit viel Druck, Leiden-Schaft und Tempo.
Und denjenigen Menschen, die unterwegs sind, aber zugleich einen Sensor nach innen ausgestreckt haben und merken: sie mögen äußerlich unterwegs sein – aber das, worauf es ankommt, ist, ob die innere Ausrichtung stimmt und ob sie mit jedem Schritt im Außen auch zugleich eine Berührung, eine Stimmigkeit mit ihrem Inneren herstellen können.
Diese Menschen beginnen mit jedem Schritt tiefer bei sich anzukommen, sie kommen immer mehr zur Ruhe – trotz Bewegung. Sie kommen in eine Größe, ohne dass diese aufgesetzt, aufgebläht, von äußeren Umständen abhängig ist.

Das Ganze bekommt einen Sinn. Es hat einen Wert.

Wie geht es Dir? Schau mal auf deinen Weg.

Mit jedem Schritt, den Du auf Deinem Lebensweg gehst und gegangen bist, mit jeder neuen Erfahrung hast Du Dich weiterbewegt – äußerlich und innerlich.
Mit jeder Unzufriedenheit, die sich eingestellt hat, hast Du innegehalten und gespürt, dass etwas nicht stimmt.
Und Du bist weiter dem inneren Ruf gefolgt, deiner Intuition. Du gibst Dich nicht zufrieden mit äußeren Wegmarken. Du spürst: „Das kann doch nicht alles sein!“ Du bist der inneren Spur weiter gefolgt, auch wenn es Dich nach draußen gezogen hat.

Aber innerlich bist Du nicht Teil der Schafherde geblieben. Du bist ausgeschert. Und weitergezogen. Du bist mit Deiner Lebendigkeit oder deiner vagen Sehnsucht verbunden geblieben. Auch wenn alle sagen: „Bleib doch – das wäre doch viel sicherer, normaler – hier ist es doch gut.“
Du bist kein Schaf. Und das ist gut so.

Es braucht einen Spurwechsel

Der Weg, den Du suchst, geht in die Tiefe. Er führt zu Dir selbst. Aber nicht sofort, nicht gleich: es braucht oft viele, viele Windungen und Ebenen in die Tiefe Deiner Selbst, in den Kontakt mit Dir selbst, bis Du eine Ahnung bekommst: „Ah, ich probiere es einfach aus wie es sich stimmig anfühlt und dann werde ich weiter sehen.“ Oder „Das fühlt sich lebendig an – irgendwie stimmig, auch wenn die Knie zittern und eine Unsicherheit aufkommt. Aber irgendwie ist die Richtung stimmig. Etwas in mir merkt, dass es da weitergeht.“
Das ist der eigentliche Weg – nicht der, den Du draußen als „normal“ vorgegaukelt bekommst.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Heute meinen wir oft: Wenn etwas nicht sofort wirkt, dann ist es nicht gut. Wir erwarten „Klack, Schalter umgelegt“ und das war´s. Wir wollen super-effiziente Methode und gleich alles anders haben.
Viele Dinge funktionieren heute zwar schneller und direkter als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Zugleich braucht es aber eine Selbstdisziplin und ein liebevolles Verwurzeltsein und stetes Hineinhören in uns selbst, um weiter auf der neuen Spur zu bleiben. Nur dann führt es uns tiefer in uns selbst hinein und lässt uns mehr und mehr ankommen.
Wir müssen uns dann selbst treu bleiben, auch immer dann, wenn es innerlich unangenehm wird und sich nicht gut anfühlt. Auch dann, wenn wir uns „unnormal“ vorkommen. Auch dann, wenn Widerstand aufkommt.
Genau dann wenn wir merken, dass es innerlich unangenehm wird, dann sind wir wahrscheinlich auf der richtigen Spur.
Wir wollen alles ändern, alles Unangenehme „weg“ haben – bevor wir überhaupt genau hingespürt und die Tür aufgemacht haben. 

Wirklich Finden – ein Initiationsweg

Wirklich Finden und Ankommen ist etwas Besonderes. Ich würde den Weg dahin als moderne Initiation beschreiben.

In unserer Kultur haben Initiationsrituale an Bedeutung verloren.
Es gibt zum Beispiel keine Übergangs-Rituale mehr vom Jugendlichen zum Erwachsenen, die existentiell sind und gleichzeitig helfen zu finden. Es gibt zwar viele sportliche und waghalsige Abenteuer zu erleben, aber sie sind ein schaler Ersatz.

Ein wirklicher Initiationsweg führte durch unsere eigene Tiefe und in das Ankommen bei sich selbst, in eine Verbundenheit und ein tiefes „Ja“ zum Leben.
Und das innere Ankommen bedingt auch, dass wir im äußeren Leben einen neuen Platz, unseren Platz, einnehmen können.

Jede und jeder hat diesen Initiations-Pfad in sich angelegt: wir alle haben ein Themenfeld im Leben, das unseres ist und das uns so an unsere Grenzen bringt, dass wir es tendentiell vermeiden, wegschauen, es mit Geschäftigkeit oder mit vermeintlicher Stärke in anderen Bereichen überdecken, oder uns lieber die Decke über den Kopf ziehen oder ein Glas Wein einschenken und uns ablenken oder uns in unser Leid fügen. Dabei ist unser Thema unsere Aufgabe für dieses Leben. Es wird immer wieder erscheinen, in unterschiedlichsten Variationen.
Jesus nennt es den schmalen Pfad, dem wir folgen sollen, nicht dem breiten, den „man“ geht. Wir brauchen allen Mut dazu, unseren Willen, unsere Beharrlichkeit.

Frühe Traumen

Ein solcher Initiationsweg sind frühe Traumen, die wir direkt aus unserem Start ins Leben mitbringen. Sie sind eine existentielle Herausforderung und ein Segen zugleich, wenn wir uns an sie heranwagen und den Weg in ihre Richtung antreten.
Meist denken wir bei Trauma an Kinder, die geschlagen oder missbraucht wurden, an schwierige Familienverhältnisse, und an Krieg und Flucht.

Wenn Du zu den Menschen gehörst, die noch suchen und nicht ankommen, dann wird Dein Initiationsweg noch weiter in der Tiefe liegen.

Wir wissen inzwischen, dass viele Menschen bereits beim Ankommen auf dieser Welt einerseits das Paradies erlebt haben, gleichzeitig den größten Schock ihres Lebens – dieser hat sich tief in ihr Zellgedächtnis eingeprägt. Viele Menschen fühlen sich deshalb in der Tiefe verlassen und einsam, unverstanden, auf der Suche.
Ich spreche von einem Drama schon im Mutterleib, der laut Experten heute mindestens ein Fünftel aller Geburten betrifft, wenn nicht sogar mehr. Diese Kinder haben eine Einheit, eine Verbundenheit mit einem Zwilling erlebt, der dann aber wieder gegangen ist – oft ohne, dass die Mutter dies mitbekam.

Wenn diese Menschen sich auf die Suche machen, so ist dies ein Initiationsweg, der sie ganz in die Tiefe führt. In den Bereich zwischen Leben und Nicht-Leben. Zwischen Verbundenheit und Einssein mit dem anderen – und tiefer Trauer, Verlorensein, Orientierungslosigkeit, Schuldgefühl, Müdigkeit, Betäubung, Getrenntsein.

Ich selber war sehr beeindruckt als ich viele der Menschen, die diesen Initiationsweg gegangen sind, bei der Online-Konferenz von Ira Hauptmann www.kongress-verlorenerzwilling.com erleben durfte. Sie sind ihrem Weg immer mehr in die Tiefe gefolgt, haben ihrer Intuition, ihrem Körper immer mehr vertraut und sind auch bei unangenehmen Gefühlen stets weitergegangen. Weiter durch unsere schmerzhaftesten Gefühle hindurch – in die Zartheit, die Berührbarkeit, die Liebe und Verbundenheit hinein.

So kommen wir an. Auch ich gehe diesen Weg gerade. Er dauert. Aber ich spüre wie eine Tür, die immer verschlossen war, aufgegangen ist. Licht scheint herein. Der Nebel lichtet sich. Es ist nichts wie vorher.

Die Integration von Trauma ist eine moderne Initiation.

Eine solche Heldenreise führt uns in unsere eigene Tiefe.
Und zugleich in unser Potential, an unseren Platz, in unsere Einzigartigkeit und Kraft.
Statt anders fühlen wir uns: einzigartig.


Bist Du auch auf der Suche? Wie geht es Dir mit dem, wenn Du das liest?

Schreibe einen Kommentar