Nach der Wahl: zukunftsweisende Politik…?

Für die AFD scheint klar, wo die Ursache für unsere Krise liegt und was es künftig zu vermeiden gilt. Aber mal ganz ehrlich: egal, ob wir die Ausländer und die Islamisierung – oder auch die kapitalistische Struktur, die Banken und das Zinssystem für „schuld“ halten: das Schuldprinzip ist dasselbe.
Das muss man sich nochmal in Ruhe verdeutlichen: beides ist dasselbe Prinzip. Selbst mir fällt es etwas schwer, das anzuerkennen. Es ist dasselbe Prinzip: was immer ich als schuldig ausmache – ist etwas außerhalb von mir. Ich selbst gehe dadurch in eine Haltung des Opfers und wähle damit entweder Empörung und Wut, oder Jammern und Resignation, oder auch Desinteresse und ein „Das betrifft mich nicht“.
Alle drei Opfer-Reaktionsweisen – Wut, Resignation, Desinteresse – verhindern eines: dass wirklich etwas passiert und sich wirklich etwas bewegt.

Gibt es noch eine andere Wahlmöglichkeit für mich – außer der alle vier Jahre?

Ich meine jetzt nicht Leserbriefe, das Eintreten in eine Partei, zivilgesellschaftliches Engagement, Petitionen, Demonstrationen. Denn auch damit kann ich mich aus meiner Opfer-Position heraus ausdrücken. Aber meine Haltung und die Prämisse bleibt gleich: „Ich kann nichts tun, anderswo passiert etwas, auf das ich wenig Einfluss habe“

Ja, es gibt noch eine andere Wahl. Diese Wahl haben wir nur nicht gelernt: Wenn ich in der Rolle der Ohnmacht – ob nun gefärbt mit Wut, Jammern, sich-abfinden oder „Betrifft-mich-persönlich nicht“ – bleibe, bleibe ich im Spiel drinnen: die da oben regieren, und ich reagiere entsprechend einer meiner drei Optionen.
Ich kratze nur draußen an der Wand.

Es wird in diesem Spiel auch nicht viel ändern, wenn im Parlament künftig streitbarer verhandelt wird und man sich erhitzt über die Schuldfrage auslässt. Das bringt nur schlechte Stimmung und braucht Zeit und Nerven, aber nicht die nötigen Lösungen herbei.

Was es braucht, ist, dass das Spiel durchschaut wird.

Wir haben – wie Frau Merkel zurecht bemerkt – reichlich ungelöste Themen auf der Welt. Und wir haben ein Boot, in dem wir alle rudern.
Es braucht also vor allem Gemeinsamkeit für die Zukunft – dass wir in der Lage sind, an einem Strang zu ziehen.

Ich habe einen guten Anfang gesehen: auf Youtube gibt es Videos, in denen sich jemand als „Meta-Politiker“ bezeichnet. Jemand also, der sich das Spiel von draußen anschaut. Nur stellt er sich als bekennender AFD-Wähler heraus, der sich „gegen“ die anderen stellt. Und die Wut ist ja nur die andere Variante des Spiels, bringt aber keine neue Ebene herein…

Die Herausforderungen dieser Welt lassen sich gemeinsam lösen, weniger im Streit und wenn wir nicht erkennen: aha, wir starren alle auf das Spielbrett und spielen Mensch-Ärgere-Dich, wir überholen einander, wollen erster sein und die anderen herauswerfen. Und wir sind miteinander beschäftigt.

Je mehr wir aber den Blick vom Spielfeld heben könnten, umso mehr Kapazität hätten wir künftig für wirklich Neues.

Es bräuchte eine repräsentative In-Kontakt-Politik-Kultur

 Das heißt, dass jemand nicht die Hilflosigkeit des Opfers in einer der drei Varianten wählt, sondern die Bezogenheit – zunächst zu sich selbst, und dann auch zu anderen.
In einer repräsentativen Demokratie könnte Bezogenheit zunächst vorgelebt werden.

Das wäre eine Politik des Hinsehens und Gesehen-Werdens. Und das wäre ziemlich neu.
Dabei bleibt jeder mit sich und seiner Wahrheit ganzheitlich in Kontakt während er politisch interagiert.
DAS würde uns auf eine andere Ebene bringen.
Anfangen würden wir genau da wo wir sind, mit der AFD, und das ist gut so:

Wir brauchen alle – auch die AFD

Wir brauchen alle Beteiligten. Insofern ist es gut, wenn jetzt auch diejenigen, die sich Sorgen machen um ihre Zukunft, die sich bedrängt oder bei ihrem Dazugehören bedroht fühlen, dem eine Stimme verliehen haben, gewählt haben und ihre Partei jetzt im Reigen der Demokratie mit vertreten ist. Das ist der erste Schritt: wie gut, dass die AFD und alle ihre Wähler mit an Bord sind. Sie gehören dazu.

Verhandeln als guter Weg?

Diskussionen sind das Kennzeichen einer Demokratie. Braucht es jetzt also sachliche Verhandlungen um Positionen und um Handlungsoptionen, wie Frau Merkel sagt? –
Den Haken sehe ich bei „sachlich“. Denn die meisten der Leser kennen inzwischen das Eisbergmodell von den Themen und Werten, die über Wasser sichtbar sind und den verborgenen Werten, Emotionen, Bedürfnissen unter Wasser.
Wir wissen: nicht die Spitze über Wasser bestimmt den Lauf der Verhandlung, sondern der Berg unter Wasser.
Genau das wäre der zweite Schritt: die Erkenntnis, dass eine stimmige Politik ohne Einbezug einer neuen Ebene nicht weiterkommen.

Ich kann ewig diskutieren – solange ich nicht wirklich wahrnehme und in der Tiefe anerkenne, dass auf der Unter-Wasser-Ebene auch nur einer Gruppe oder Partei – eine Schieflage ist, ein Nicht-Gesehen-Sein, eine Not.
Solange wird die Demokratie an diesem Punkt hängen bleiben. Die Not, die Ohnmacht, das Nicht-Gesehen-Sein, der Wunsch wird sich immer wieder inszenieren und mittels Wut zum Ausdruck kommen.
Wenn ich das wiederum ausschließe durch „so reden wir schon gar nicht, wir reden hier sachlich“ habe ich nicht verstanden worum es bei dieser Wut geht: um die Notwendigkeit, eine weitere Ebene einzubeziehen.

Was ist die neue Ebene?

Wir sind soziale Wesen. Wir sind Menschen. Aber eigentlich tragen wir nur unsere Köpfe umher. Jeder Rhetorik-Trainer weiß, dass wir zum Beispiel auf Körpersprache reagieren und dass sie viel wichtiger ist als das, was wir verbal äußern. Der Großteil unserer Wirklichkeit, unseres Potentials, unserer Kapazitäten, unseres Instrumentariums – bleibt oft uns selbst und den anderen verborgen. Er ist nicht in Kontakt.
Was uns fehlt, ist unsere Verbundenheit mit uns selbst und anderen.
Das wäre also der dritte Schritt: das Eingeständnis, dass wir Menschen mit einem Instrumentarium, einem Nervensystem ausgestattet sind, das ganz fein auf uns selbst und unsere Umwelt reagiert – und das eine Einstimmung auf das Gegenüber braucht.
Es wirkt wie ein Fall von unserer Selbstverständlichkeit und Souveränität, unserer Sicherheit und Selbstgewissheit, wenn wir nicht mehr allein mental in der Welt unterwegs sein sollen. Die vielen Talkshows, die die Welt von vielen Seiten wortgewandt und eindringlich beleuchten, greifen zu kurz. Wir brauchen eine neue Politik-Kultur. Sonst werden wir ewig uns weiter mit dem Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel aufhalten. Aber das Spiel wird langweilig. Und es hilft uns nicht: wir sitzen in einem Boot.

Ebenenwechsel – wie?

De facto sind wir Wesen, die aus der Evolution genau aufgrund unserer sozialen Gruppenbildung als Sieger hervorgegangen sind. Sonst hätten wir die Jahrtausende von Hunger, Kälte und Widrigkeiten nicht überlebt. Wenn das Wesen Mensch in Krisen kommt, hat es sich bewährt, sich als Gruppe zu formieren und die Synergie aller zu nutzen.
Dabei gehören alle dazu, und die Gruppe tut gut dran, auch den Besorgtesten und Wütendsten eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die hineinführt in die Wut des Opfers und ein Gegenüber, das sehen will, was darunter liegt.
Das ist der vierte Schritt: wir brauchen in der Demokratie die ausdrückliche Erlaubnis und den Raum, dem Ungesagten zu begegnen, es zu erspüren, erforschen, auszudrücken. Das ist bisher nicht Teil unserer Demokratie-Kultur. Das ist neu, ein gewagtes Experiment im öffentlichen Raum. Und ich bin mir nicht sicher, dass die Vertreter oder wir dazu bereit wären. Sie wurden Teil eines Spiels, eines Rituals und wir haben es gebilligt, gewünscht und unsere Rolle mitgespielt.
Aber genau diesen Ebenenwechsel bräuchte es – es gibt Methoden und Hilfen dafür. Und dieses Neue ist bereits in unserem Kulturraum vorhanden.
Es gibt z.B. Achtsamkeits-Trainings in der Wirtschaft, transparente oder gewaltfreie Kommunikation, Organisationsaufstellungen, Councils in Schulen, Trainer für emotionale Intelligenz und vieles mehr. Dies ist alles Teil von etwas Neuem.

Auf eine solche Politik würde ich mich freuen! Hier möchte ich gern teilnehmende Beobachterin sein. Die Vorstellung davon wirkt aufregend auf mich.
Dann gäbe ich gern meine Stimme an Vertreter, die stellvertretend für mich das erforschen, spüren, ausdrücken, was an Stimmungen, Gefühlen, Wünschen… in der Gesamtheit des Volkes vorhanden ist. Und die Lösungen dafür suchen…..eine Utopie?
Wer weiß, vielleicht nicht mehr lange…

Wir haben noch nie wirklich Demokratie gelebt

Das klingt jetzt komisch 😉 Was ich damit meine ist, wir – als Wähler und als Politiker – waren noch nie gänzlich innerlich anwesend:
Wir kommen aus einem Kaiserreich mit einem ausgeprägten Preußentum mit einem idealisierten Beamtentum und einflussreichen Autoritäten im Staat wie vor Ort: Familienoberhäupter, Schulmeister und Kirchenleute.
Dann kamen zwei beschämende Erlebnisse: der Verlust des 1. Weltkrieges und das 3. Reich, damit verbunden die große individuelle Not durch Krieg, Pogrom, Inflation und der Spaltung in Ost und West.
Diese Erlebnisse wurden im Rahmen der Erinnerungskultur nur stets mit Schuld verbunden, es ging nicht um das Empfinden. Die Ohnmacht, Verzweiflung, Trauer, Wut, Scham waren nicht salonfähig und ausgeschlossen.
Erst in den letzten Jahren ändert sich das langsam, langsam. Es ist immer noch ein großes Tabu, sich individuellen Empfindungen diesbezüglich zu nähern. Wer das bezweifelt schaue nur in die eigene Familie und wie dort mit den eigenen Erinnerungen und Gefühlen der Familiengeschichte umgegangen wird. 

Was fehlt ist eine Integrations-Kultur

Und dabei geht es mir nicht um die Flüchtlinge, sondern um die Integration von innerer Not.
Genau dafür kann und sollte die AFD stehen und uns genau in diese Richtung bringen. Sagen: „Hey, liebe Leute – Integration ist gut und schön. Aber bitte lasst uns ZUERST mal bei uns selber schauen, was wir noch alles zu integrieren haben. Wen wir abholen müssen, was diese Leute mit sich tragen, das ausgeschlossen ist, übergangen, nie gesehen.“

So können dann Teile der Bevölkerung wieder aus ihren oben genannten drei Opfer-Stadien herauskommen: Wut/Empörung, Ohnmacht/Resignation und Desinteresse/Abwendung.

Dann sitzen wir wieder in einem Boot auf einer neuen Ebene. Und können die Herausforderungen der Zukunft angehen.
Darauf freue ich mich. Das ist für mich: wahre Demokratie leben. Ob das auf der Bühne der Politik gelingt, ist fraglich. Aber anderswo wird es weiter erprobt und vorgelebt. Und dann wird es in der Politik weiter rumoren bis das oberflächlich streitbare Spiel in den drei Varianten sich dann doch irgendwann ausgespielt hat. Denn es ist Zeit dafür.
Und wenn es Zeit ist, werden sich auch äußere Strukturen wandeln.
Dafür braucht es Gemeinsamkeit, Ganzheitlichkeit, Integration – ohne die kein neues Spiel und keine neue Ebene…

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