Der eigene Weg und die Sphinx: toxische Scham

Scham ist ein ziemlich fieses und mächtiges Gefühl. Warum es mächtiger ist als wir denken, darüber habe ich im vorigen Beitrag geschrieben.
Hier geht es darum: wie können wir gesunde Scham von toxischer Scham unterscheiden?
Toxische Scham ist ein Gefühl, das sich verirrt und gegen uns selbst gerichtet hat.
Wir tragen dieses toxische Gefühl womöglich aus unserer frühesten Lebenszeit in uns. Eigentlich zeigt es an, dass etwas mit unserem Umfeld nicht stimmte und dass Grundbedürfnisse zu kurz kamen.
Scham meldet sich, wenn ein Grundbedürfnis verletzt wird:

Zugehörigkeit und Kontakt-Bekommen,
– liebevolle Anerkennung und Gesehen-Werden,
Schutz unserer Grenzen und Vertrauen-Können,
Integrität und Autonom-Sein-Dürfen

Toxische Scham

In den ersten Lebensmonaten kann das Kind noch nicht wahrnehmen, dass das Umfeld schlecht reagiert und Defizite hat. Es nimmt nur eine innere Not wahr, wenn sein Bedürfnis nach Kontakt, Einstimmung und Zuwendung nicht erfüllt wird. Dann protestiert es. Aber wenn das erfolglos bleibt, wird die innere Not so groß, dass das Baby resigniert und „abschalten“ muss. Genau das bildet den Nährboden für die toxische Scham.

Wie das Nervensystem sich normal entwickelt

Als Baby ist das Kind emotional ganz eng mit der Mutter oder ersten Bezugsperson verbunden. Aus der Säuglingsforschung weiß man inzwischen: das noch nicht ausgeprägte Nervensystem des Babys kann sich bei Erregung noch nicht selbst wieder regulieren – es reguliert sich über eine Einstimmung auf die Mutter.
Wenn das Kind sich zum Beispiel erschreckt, kann es sich wieder beruhigen, weil die Mutter selbst ruhig bleibt und ihm signalisiert, dass alles in Ordnung ist und dass sie da ist.
Wenn ein Elternteil nicht für einen solchen eingestimmten Kontakt zur Verfügung steht, wie beispielsweise bei einer postnatalen Depression, oder wenn das Baby lange alleine gelassen wird und sich alleine beruhigen soll, dann fehlt dem Baby dieses notwendige Regulativ, und es gerät in innere Not. Das kindliche Nervensystem braucht bei Übererregung Beruhigung, umgekehrt braucht bei Langeweile und Untererregung positive Stimulation. Dann kann es sich gesund entwickeln und entfalten.
Bei Säugetieren ist genau das so angelegt, denn wir sind soziale Wesen, und es soll so sein, dass sich Neugeborene erst an die Umweltbedingungen anpassen und nicht alles schon in den Genen angelegt ist, dann wäre das Lebewesen Mensch nicht flexibel genug. Für diese Anpassungsleistung braucht ein Baby als soziales Regulativ ein „externes Nervensystem“, nämlich die Mutter oder den Vater.

Wenn das Kleinkind dann krabbelt und beginnt, die Welt zu entdecken, wird die gewohnte Harmonie zwischen Eltern und Kind womöglich erneut gestört, wenn das Elternteil missbilligend oder erschreckt schaut. Das Kind erwartet eher Unterstützung seiner Entdeckerfreude und kann diesen Kontaktabbruch und diese nicht-eingestimmte Kommunikation mit der Bezugsperson nicht verstehen.
Auch jetzt braucht das Kleinkind wieder die Unterstützung der Bezugsperson, einen Trost oder in-den-Arm-nehmen, um mit einem solchen „vernichtenden“ Gefühl wie Scham umgehen zu können.

Wir haben es fast alle erlebt

Wie gut, dass man heute um diese Zusammenhänge weiß, und die Forschung hat jetzt ein Wort für das, was entsteht, wenn ein Baby öfter diese innere Not erlebt: es entsteht eine „Entwicklungstraumatisierung“.
Und dabei geht es nicht um vernachlässigte Kinder, die ein Fall für das Jugendamt wären. Sondern um die Auswirkungen der Säuglings-Erziehung, die bis in die 80er Jahre als normal galt:
– sterile Krankenhaus-Geburten statt Wärme und einer persönliche Atmosphäre;
– abgetrennte Säuglingszimmer nach der Geburt statt Rooming in;
– Schreien-Lassen und das Kind muss sich allein beruhigen beim Einschlafen;
– Angst, das Baby zu verhätscheln statt einem offenen Herzen für das Kind.
Bei häufig wiederkehrenden Erlebnissen von innerer Not wird das Kind mitnehmen, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Toxische Scham regelt Dazugehörigkeit nicht auf gesunde Weise,
sondern untergräbt das Selbstwertgefühl und die Bindung.

Ich merke, es fällt mir schwer, das so zu schreiben, denn fast alle, die bis in die 80er Jahre geboren sind, haben diese Bedingungen so erlebt. Und wir sollen alle traumatisiert sein….?

Aber mir geht es dabei wohlgemerkt nicht um Schuldzuweisungen – mir geht es um ein lösendes Erkennen und An-Erkennen dessen, was ist. Dann kann sich das Blatt wenden.

Das kollektive Erbe

Zu alledem kommt nämlich, dass sich Trauma vererbt. Heute wachsen Kinder ganz anders auf als noch unsere Eltern oder Großeltern. Und das ist auch gut so.
Wissenschaftlich ist heute sogar nachgewiesen, dass Trauma weitervererbt wird – mindestens bis zur vierten Generation. Bei Familienaufstellungen zeigen sich sogar noch weiter gehende Vererbungen durch die Vorfahren.
Aber wir haben heute auch die Möglichkeit, die lange Kette der Vererbung und des Leids zu durchbrechen und zu verwandeln. – Vielleicht erstmals in der Menschheitsgeschichte.

Torwächter Scham

Wenn wir heutzutage unseren eigenen Weg gehen wollen oder wenn wir gerade mit einem angeknacksten Selbstwertgefühl hadern, dann ist es gut, um all dies zu wissen.
Die Scham ist der Torwächter, aber nicht das Tor selbst.

Deshalb: Wenn Du Deinen eigenen Weg gehst, dann gilt es, nicht in die Augen der Torwächter zu schauen, sondern auf den eigenen Weg.
Das ist wie bei der Sphinx: wer ihr in die Augen schaut, ist verloren.

Die Scham ist ein Grenzwächter,
aber sie darf uns nicht abhalten.

Es ist gut, wenn wir das Gefühl der Scham entdecken und bemerken. Aber gerade toxische Scham verschwindet nicht, wenn wir sie fühlen – wir können sie nicht fühlend integrieren. Denn sie zeigt an, dass nicht wir, sondern das Umfeld fehlerhaft war.

Es gibt eine Art von (gesunder) Scham jedoch, die uns hilft. Und der begegnen wir beim wohlwollenden Blick in den Spiegel. Diese Scham schlägt an, wenn wir unsere ganz persönlichen Werte und unsere Autonomie nicht leben. Sie reguliert unsere Integrität.
Kann ich mir selber in die Augen sehen, und entspricht das, was ich jetzt tue meinen inneren Werten, dem leisen Ruf meines Herzens?

Vom Scham zur Würde

Aber der Torwächter bleibt: die Scham. Ich werde der Scham in mir begegnen, wenn ich die Tür durchschreiten will und meinen eigenen Weg gehen will.
Alte, toxische Scham möchte erkannt und gesehen werden. Sie kann heilen, das dauert etwas, und was uns dabei hilft ist die Verbindung zu anderen wohlwollenden Menschen.
Insofern will ich Dir an dieser Stelle sagen:

Fühl Dich gesehen, Du liebes Wesen!
Wie schön, dass Du hier bist.
Du bist nicht alleine.
Du bist so kostbar – und so besonders.

Trau Dich: Schau Dir liebevoll in die Augen – und gehe. Egal wie groß die Schritte sind. Das ist nicht wichtig. Du kannst auch Pausen machen oder vermeintliche Rückwärtsbewegungen.
Die Würde erlangst Du wieder, wenn Du wertschätzend mit Dir und Deinem kurvigen Weg bleibst und beginnst, Dein Leben zu leben, egal auf welche Art. Das kann ganz im Kleinen sein.

Kann ich mir selbst in die Augen sehen?  –
DAS wird zur Richtschnur für Deinen Weg. Und Deine Würde. 

Dann können wir am Ende unseres Lebens in den Spiegel schauen und sagen:
„Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich bin meinen Weg gegangen und habe ihn gemäß der Stimme meines Herzens gestaltet.“

Das wünsche ich Dir und uns allen sehr!

Mehr dazu:
Charf, Dami: Scham und Trauma, Niederschrift Fachtagung Moringen, Vortrag 2010 
Dittmar, Vivian: Gefühle & Emotionen – eine Gebrauchsanleitung, 2015
Heller, Laurence, Lapierre, Aline: Entwicklungstrauma heilen, 2013 (4.Aufl)
Marks, Stephan: Die tabuisierte Emotion, 2013 (4. Aufl)

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wie schön, liebe Birte…!
    Wie schön dass du hier bist!
    Du bist so kostbar!
    Wie schön dich zu kennen!
    Wie schön von dir zu lesen!
    Du bist ein ganz besonderes Wesen!

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