Selbstwert?! – die Handbremse lösen

Ich will vor dem Spiegel stehen und sagen: „Ich habe es probiert. Ich bin losgegangen. Auf meinen Weg. Ich folge meinem Herzen.“
Wer losgeht, kennt das – wir folgen der Freude.
Aber dann erscheinen auch Gedanken wie: „Was denken die anderen?“ „Eigentlich müsste ich doch anders sein…“ „Bin ich noch normal…?“ „Habe ich so eine Existenzberechtigung..?“
Das sind Fragen, bei denen es um das Gefühl der Scham geht. Und das ist tabuisiert und unterschätzt…. Denn Scham hat eine große Macht.

Scham ist ein Gefühl, das sich auf uns selbst bezieht und kann auch als kräftige innere Handbremse wirken. Es ist ein machtvolles Instrument in unserer Gesellschaft und wirkt als Torwächter zu unserem Weg.

Scham und Angst 

Wer losgeht, eigene Wege einschlägt, etwas ausprobieren will, das einem wichtig ist, begegnet oft: Angst und Scham.
Scham wiegt sogar noch schwerer als die Angst. Wir wollen Scham am wenigsten von allen Gefühlen fühlen. Wir wehren das Gefühl der Scham ab: wir projizieren sie nach außen auf andere, lassen lieber andere sich inkompetent fühlen, zeigen uns lieber stolz und abwertend gegenüber anderen als schwach und verletzbar. 

Auch ich stelle fest wie ich Scham vermeide….“Aha, sieh mal da, ich habe wieder eine ausweichende Antwort gegeben, nur um keinen Anlass zu geben, dass die andere Person womöglich etwas Komisches über mich denkt.“
Schamgefühle werden auch durch Ablenkung oder Suchtmittel betäubt – leider wird es damit nicht besser. Aber all das zeigt, wie unerträglich das Fühlen von Scham ist.

Scham ist eine „tabuisierte Emotion“ (Stephan Marks).
Dass wir uns gerade schämen mögen wir oft selbst einem guten Freund nicht sagen. Denn das bedeutet, ausgeschlossen zu sein. Nicht dazu zu gehören. Gerade bei den Menschen, die uns wichtig sind oder bei denen wir uns unsicher fühlen, kann uns diese Empfindung den Boden wegziehen.
Es ist in Ordnung über Angst zu sprechen oder über Ärger oder über Wut. Nicht aber über Scham.
Eines jedoch haben beide – Angst und Scham – gemeinsam: wenn wir ein starkes Angst- oder Schamgefühl erleben, dann springt der Körper um auf den Notfallmodus, auf das Stammhirn. Das Reptiliengehirn übernimmt die Führung.
Das Gehirn versucht deshalb die Erfahrung von Scham, wo immer sie naht, zu vermeiden und geht in andere Verhaltensweisen, um die Erfahrung von Scham abzuwehren.

Scham bewahrte jahrtausendelang vor dem Tod

In den langen Jahrtausenden unserer Menschheitsgeschichte bedeutete es den Tod, nicht mehr zur Gruppe dazugehören zu dürfen und ausgeschlossen zu werden. Denn alleine konnte niemand in der Natur überleben.
Scham diente als wertvolle Regulation für die soziale Gruppe: es sicherte, dass die Gruppenregeln eingehalten werden und das Zusammenleben funktioniert. Deshalb schämen wir uns, wenn wir von der Polizei erwischt werden und zu schnell waren. Und Adam und Eva schämen sich als sie die Vereinbarung mit Gott nicht eingehalten haben.

Scham ist irgendwann zu viel

Was wir oft übersehen: Scham ein sehr kritisches Gefühl, denn es geht unbewusst um Leben und Tod. In all unseren Zellen ist diese lange Geschichte unserer Evolution gespeichert.

Eine Zeitlang kann ein Kind oder ein junger Mensch Scham aushalten, aber wenn er zu oft beschämt wird, und zu oft signalisiert bekommt: „So gehörst Du nicht dazu. Du bist unserer nicht wert.“ dann ist irgendwann die Grenze dessen erreicht, was ein Mensch an Scham tragen und aushalten kann, und die Scham explodiert in Wut nach außen oder vergiftet uns nach innen. Das ist eine Erklärung für Phänomene wie Amokläufe, Familiendramen oder ein leidendes Selbst.

Vier Grundbedürfnisse – und Scham als Wächter

Scham schlägt in uns Alarm, wenn vier unserer Grundbedürfnisse überschritten werden: Zugehörigkeit – Anerkennung – Schutz – Integrität. Wird eines dieser Grundbedürfnisse nicht erfüllt, dann entsteht bei uns ein Schamgefühl.
Neben dem Wunsch nach Zugehörigkeit haben wir alle das Grundbedürfnis, von anderen wertschätzend wahrgenommen zu werden – mit diesem Bedürfnis nach liebevoller Anerkennung und Kontakt kommen Babys schon auf die Welt.
Jeder Mensch braucht zudem Schutz seiner körperlichen oder persönlichen Grenzen und jedes ungewollte Eindringen dorthinein verursacht ein Schamgefühl.
Ein weiteres Bedürfnis ist das nach Integrität: wir wollen gemäß unserer eigenen Werte leben und der Stimme unseres Gewissens folgen – unabhängig von unserem Umfeld. Auch wenn diese innere Integrität verletzt wird, tritt Scham auf und signalisiert uns damit, dass etwas nicht stimmt. 

Scham als Herrschaftsinstrument

In allen Kulturen wurden die bewusste Übertretung der menschlichen Grundbedürfnisse als Herrschaftsinstrumente eingesetzt:
frühe Trennung von Säuglingen von ihren Müttern und eine gefühlskalte Erziehung; Ausgrenzungen von Menschen; öffentliche Beschämungen oder Bestrafen von Regime-Kritikern; körperliche und sexuelle Gewalt als Kriegsmittel, Missachtung der Integrität.

Das entstehende Schamgefühl war und ist ein machtvolles Mittel, um zu verhindern, dass Menschen in ihre Kraft und Würde kommen und ihrer eigenen inneren Autorität folgen.

Massive Beschämung führt zum Beispiel oft dazu, dass Menschen dem Weg der Schamabwehr folgen und selbst hart gegen sich und andere werden, was in Herrschaftsregimen ja oft gewünscht ist.

Umgebungen ohne Scham erschaffen

Ich finde es wichtig, diesen kollektiven Aspekt im Kopf zu haben. Es ist so machtvoll und unser Körper reagiert, wenn wir Situationen erleben, die bei uns – oder auch bei anderen – die genannten vier Grundbedürfnisse übertreten. Dann reagieren wir mit Scham und unsere höheren Gehirnregionen sind damit nur noch auf „stand by“ ohne dass uns das womöglich bewusst ist.
Schon im alten Rom gab es „Brot und Spiele“, im Mittelalter öffentliches An-den-Pranger-Stellen.  Und heute gibt es die Medien, in denen immer mehr Gewalt und grenzwertige Bilder gezeigt werden, die die Grenzen verletzen. Die Einwirkung ist subtiler geworden, aber auch sie hinterlässt eine Wirkung in uns.

Wichtig um die machtvolle Wirkung von Scham zu wissen, ist auch für alle, die im Bereich der Bildung arbeiten. Scham und beschämende Situationen verhindern Lernen und Entfaltung.
Es braucht eine Sensibilität dafür, um junge Menschen von Beschämung zu schützen und stattdessen ein Lernfeld von Anerkennung, Zugehörigkeit, Grenzachtung und Integrität zu ermöglichen.
Wir haben das nicht immer erlebt in unserer Schul-Geschichte. Auch deshalb lauert hier und da noch eine innere Handbremse.
Dabei ist wichtig zu wissen: Scham ist der Torwächter, braucht uns aber nicht endgültig von unseren Vorhaben abzuhalten.
Wir dürfen selbst mit uns gnädig sein, wenn wir wissen wie mächtig diese Torwächter sind und dass es innerlich dabei um eine Existenzbedrohung unserer Grundbedürfnisse geht.

Heute können wir auf unseren Weg schauen und nicht beim Anblick der Torwächter stehenbleiben. Nach vorn schauen und weitergehen.
Das Wichtigste, das uns die Scham lehren kann ist, dass Du dir selbst in den Spiegel schauen kannst.

Das wünsche ich Dir sehr!

Wenn Du etwas dazu lesen magst:
Dittmar, Vivian: Gefühle & Emotionen – eine Gebrauchsanleitung, 2015
Marks, Stephan: Die tabuisierte Emotion, 2013 (4. Aufl)

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein starker Beitrag, schon beim lesen spüre ich eine gewisse Erlösung.😁
    Ja es ist sehr wichtig dieses Tabu aus dem Dunkel zu holen!!!

    Danke Danke Danke…
    Für diese Erinnerung!

    • Bia

      Dank Dir für deine Worte!!
      Je mehr wir wohlwollend mit uns sind und vorsichtig mal hinschauen in Richtung „Scham“ und ihre Wirkungsweise, umso näher kommen wir uns und einander.
      Dann verliert die Scham ihre Macht, die sie nur im Versteckten hat.
      Und Verbindung miteinander ist ohnehin ein wundervolles Er-Lösungsmittel 🙂
      Herzlichst, Birte

  2. Dominierende, beherrschende, Gefühle bzw. (Denk-)Haltungen haben eine krankhafte, heilbare, Ursache.
    Der gesunde, heile, ganze, wahre, Mensch ist FREI. Er ist fähig und willens, sein wahres Sein / Selbst zu leben.
    Daran sind die allermeisten Menschen der „Zivilisation“ / „zivilisierten Gesellschaft“ gehindert: Durch individuelle Neurose(n) – im Kontext der „kollektiven Neurose“ der Gesellschaft. Deshalb haben wir es hier mit der schlimmsten Krankheit überhaupt zu tun; denn sie trennt den Menschen von dem feinstofflichen Kräfte-Potenzial seiner Seele, das Heilung möglich macht – u.a. die Kraft der reinen Liebe und Freude, der (Selbst-)Heilung und des Friedens.

    Dennoch bleibt Heilung prinzipiell immer / lebenslang möglich. Es bedarf aber der Aufklärung bzw. des Klimas der reinen, bedingungslosen, Liebe – um die Seele, die in einer Art „Rückzugs- / Schutzhaltung“ verharrt (seit dem Trauma), wieder hervorzulocken. Bei geschlechtsreifen Menschen ist dann auch der Prozeß der „Ganzwerdung“ möglich, das wahre – auch geistig-seelische – Erwachsenwerden.

    • Bia

      Ja, schöner und spannender Hinweis, danke!
      Insbesondere die Bemerkung, dass unsere „zivilisierte Gesellschaft“ auch ein Element hat, das uns „kollektiv“ festhält, spricht mich an.

      Und ich stimme absolut zu, dass Heilung immer und lebenslang möglich ist – und dass ein Klima der reinen, bedingnungslosen Liebe genau das vermag: wir finden dadurch wieder Zugang zu unseren eigenen Seelen-Impulsen und etwas kann sich in uns wieder ordnen und ganz werden.
      Diese reinen, liebevollen Räume des Miteinanders können wir uns gegenseitig schenken! Wie schön… : -)

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