Warum es gefährlich ist, NICHT nach innen zu gehen

Der Titel ist heute etwas provokant – das ist meine Art von Reaktion auf das, was ich den ganzen Tag als politische Schlagzeilen entgegengestreckt bekomme: Nordkorea, Israel, Syrien. Sie wollen mir suggerieren, dass wir bedroht sind und dass es womöglich eine Reaktion braucht… Tut es auch – aber anders!

Wir leben in einer Welt, in der wir , „draußen“ agieren und interagieren. Das finden wir normal.
Alles, was dagegen mit unserem „Inneren“ zu tun hat, ist nicht so salonfähig: das soll lieber drinnen bleiben. So laufen wir durch den Alltag und die Welt und verhalten uns, wie es gesellschaftlich als „in Ordnung“ eingestuft ist.
Falls Du von dem „normalen Verhalten“ und von diesem Funktionieren abgewichen bist, ist das schon ein sehr großer Schritt – das kann ich bestätigen  😉

Wir brauchen als menschliche Wesen Raum, um uns innerlich zu begegnen, Dingen nachzuspüren und uns innerlich zu nähren. Und wir brauchen es genauso, dass wir anderen innerlich auf dieser Ebene begegnen. Und dass wir einander innerlich sehen.

Wenn das Innere im Alltag ausgeblendet wird, dann fehlt uns die Hälfte unseres Lebens! Unser Leben bekommt Schlagseite. Und zwar auf der persönlichen wie der gesellschaftlichen Ebene. Und das kann gefährlich werden. 

Meine These ist:

Je kritischer es draußen auf der gesellschaftlichen Bühne wird, umso wichtiger ist es, einem inneren Gegenpol Gewicht zu geben – gesellschaftlich gesehen – wie auch persönlich.

Ein persönliches Beispiel: in meinen beruflich stressigsten Zeiten habe ich nicht nur Sport gebraucht, sondern auch morgens und abends mindestens zehn Minuten Meditation und ein tägliches Ausrichten auf sinnhaftes Tun und innerlich bereichernde Begegnungen.
Es ist so gut, wenn wir uns diesen Gegenpol holen!

Ein Beispiel für die gesellschaftliche Ebene: Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg, bildete die 68er- und die Hippie-Bewegung den Gegenpol. All das Ausgeblendete konnte so langsam in den Blick kommen: die Verantwortung für das Leid wie auch die verlorene Leichtigkeit und Lebenslust.
Und bei Ölkrise und Waldsterben gab es den Gegenpol der Umweltbewegung – sie brachte eine Rückbesinnung zur Natur mit sich. 

Krisen heute und was dahinter steht

Wir hören vom Nordkorea- und vom Israel-Konflikt. Aber auch vom Insektensterben. Und die Finanzkrise und vieles andere lauert ebenfalls noch.
Aber das bestehende politische und wirtschaftliche System steuert trotzdem weiter Richtung Wachstum.
Genau das ist gefährlich: nur außen zu agieren und weiter machen wie bisher bedeutet, dass die andere Hälfte fehlt.
Uns fehlt heute etwas – und zwar ganz fundamental. Vieles hat sich aufgestaut. Ich habe im Sommer bei Thomas Hübl auf dem Celebrate Life Festival eine Aufstellungsarbeit zum Nordkorea-Konflikt erlebt. Was in der Aufstellung zutage trat, war, dass die heißen politischen Konflikte erst abschwellen konnten als das menschliche Leid und das Trauma des 2. Weltkrieges in den Blick genommen wurde.
Wir denken heute, das sei altes Zeug. Aber oft ist erst die dritte, vierte Generation fähig, dieses Leid mit dem Herzen anzusehen. Sie erst können den Schmerz integrieren – den Generationen davor ist es nicht möglich. Dieses Anschauen mit dem Herzen ist aber bisher weltweit oft noch nicht geschehen.

Was können wir tun?

Wir wissen: es ist weniger als 5 vor 12.
Was wir jetzt tun können, ist: Nach dem Gegenpol schauen und ihn einbringen.
Das heißt konkret: kannst Du nach innen gehen statt nach außen? Gerade jetzt in der Advents- und Winterzeit ist gut Gelegenheit dazu 🙂
Je mehr wir uns innerlich nähren und nicht mitmachen bei dem Laufen und Rennen im Außen, umso mehr tragen wir zu einem Gegenpol bei. Das scheint so wenig wert zu sein, und doch ist es das Schwerste und das Größte.

Wenn Du die Nachrichten übrigens nur sehen kannst und Angst und Ohnmacht daraus mitnimmst, dann ist es besser, sie nicht zu sehen. Oder nimm Dir dann Zeit für den Gegenpol: Zeit, um nach innen zu gehen und um zu spüren. Zeit, um all das Unangenehme zu fühlen und um nicht wegzugehen, sondern zu spüren: unter all dem scheint wieder eine Liebe und das Vertrauen in das Leben durch. Ich kann das auch nicht dauerhaft spüren, aber jedes Mal, wenn ich mich hinsetze und mich tiefer durch all die unangenehmen Schichten hindurch fühlen lasse.

Es geht genau darum, wieder in Kontakt Wertschätzung und Liebe für uns selbst zu kommen. Auch darum, wieder einen Kontakt mit der Erde, der Natur und anderen Lebewesen zu spüren. DAS ist das Zentrale, darum dreht sich alles.
Und das ist in der heutigen Zeit aus dem Blick geraten.

Holen wir uns das zurück aus der Angst, der Zersplitterung, der Individualisierung, dem Funktionieren! Dann haben wir den entscheidenden Schlüssel in der Hand. Das wird oft unterschätzt.

Es geht ans Eingemachte

Aktuell wird es immer fundamentaler – innen und außen. Auch das unterschätze nicht – und sei wohlwollend mit dir 🙂
Wenn wir jetzt und heute nach innen gehen, dann treffen wir zunächst auf alle möglichen Gefühle und Umstände, die uns genau von diesem Weg nach innen abhalten wollen. Es zieht uns förmlich wieder nach außen:
Wir fühlen uns unruhig – und wollen lieber etwas tun, das erscheint uns leichter, sinnvoller.
Wir fühlen uns abgeschnitten von uns selbst – und finden es zwecklos, nach Innen zu gehen.
Es gibt so vieles zu erleben und so viel Ablenkung – und so ist der Tag rum ehe wir beginnen, nach innen zu spüren.
Wir fühlen uns unwohl, wenn wir „nichts“ getan haben – und so machen wir es uns madig, wenn wir uns Zeit genommen haben für das Spüren, eine Meditation, einen Spaziergang, für das Aufschreiben von Gedanken.
Genug also, das uns davon abhält, einen Gegenpol zu bilden. Aber genau den braucht es heute.

Reicht es, auf dem Meditationskissen zu sitzen?

Sind denn die Krisen „draußen“ rein auf individueller Ebene zu lösen?? Soll das die gesellschaftliche Lösung dafür sein?  Nein – nicht ganz 🙂
Aber es ist der Anfang. Und wir können diesen zentralen Schritt nicht überspringen. Das, was verloren gegangen ist, ist die Verbindung zu uns selbst, nach innen.
Wenn wir die haben, dann können wir als nächsten Schritt in einer guten inneren Verbindung zueinander und zu allen Lebewesen sein – und das ist uns dann ein ganz normales Bedürfnis.

Wenn wir uns wieder von Herz zu Herz begegnen,

wenn ich die Liebe zur Erde wieder spüre,

wenn ich die Verbindung zu Dir wieder aufnehme,

wenn ich höre und spüre, was Dich in der Tiefe berührt,

– dann verbindet mich das mit Dir.

Und dieser wiedergefundene innere Kontakt hat eine enorme Kraft – es ist wie ein inneres Feuer, das wieder brennt. Und den nächsten Schritt im Außen gehen wir gemeinsam – mit diesem Feuerball im Herzen 🙂

Ich reiche Dir die Hand, Birte

P.S. Ich bin dabei, mit Menschen zu interviewen, die etwas dazu beitragen, dass wir individell und kollektiv aus der Leistungsgesellschaft unseren Weg heraus finden. Das Ganze soll im Frühjahr 2018 zu hören sein. Du kannst Dich jetzt schon anmelden auf www.gesellschaftswandel.net

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Birte
    Beeindruckend deine vielschichtigen Gedanken! Ich gratuliere dir herzlich.
    Letzten Sonntag waren Sybill und ich in der Villa Unspunnen bei Annette Kaiser http://www.annettekaiser.ch http://www.villaunspunnen.ch
    und sie hat uns ihr neuestes Buch vorgestellt, das im Buchhandel noch gar nicht erworben werden kann. Es heisst „Die Seele Europas erwacht“. Da bist du mir mit deinem neuesten Text in den Sinn gekommen. Es geht in diesem Buch genau um diesen neuen Weg den in deinem Bericht beschreibst. Ich habe dir das Buch spontan gekauft, es ist per Post unterwegs zu dir.
    Herzlich Nicolas

    • Bia

      Genau, Nicolas! DANKE 🙂
      Das Büchlein zu Europa von Annette Kaiser zeigt, was es jetzt braucht: dass sich spirituelle Menschen auch zum Weltgeschehen einbringen und es mitgestalten. Annette Kaiser sagt im Buch „Europa hat eine hohe Dichte bewusst lebender Menschen. Das ist ein Potential, welches für die grundlegende Erneuerung eines vereinigten Europas von großer Bedeutung sein kann.“
      Ein erneuertes Europa transformiert Schatten und Ängste auf der kollektiven Ebene durch Mitgefühl und erkennt in der Tiefe die Einheit – vor jeglicher Verschiedenheit. Das hat mich angesprochen. Ja, wir haben es in der Hand und wir haben mehr Macht durch unser SEIN als wir oft meinen.
      In herzlicher Verbundenheit, Birte

  2. Guten Tag,
    Ich bin via YouTube – Suche nach Peter A. Levine zuerst auf Ihren spannenden Kanal gestossen, habe dann interessehalber Ihren Namen gegoogelt und bin auf Ihrer Website gelandet. Und bin total beeindruckt von Ihren klugen, interessanten Beiträgen und der Resonanz in Ihrem Freundeskreis hier. Finde das super, wie Sie tiefliegende Gründe und Lösungen aufspüren und darlegen. Sie sprechen mir aus dem Herzen, alle hier! Ich kann es nur nicht so gut formulieren, bin nicht so fit im Kopf.
    Mir fällt spontan Frau Dechen Shak-Dagsay und ihr wunderbaren Mantras ein – ich frage mich, ob die Singen von friedlichen Liedern Krieg und Konflikte lösen könnte, wenn es gleichzeitig von vielen überzeugten friedliebenden Menschen praktiziert würde? Das sind vielleicht nur Hirngespinste, wie auch immer, diese Idee beschäftigt mich immer wieder mal.
    Danke für so eine geniale Website.
    Freundliche Grüsse,
    conni aus der schweiz

    • Bia

      Liebe Conni,
      oh, hab ganz herzlichen Dank für deine warmen Worte. Und dass Du sie hier in meine Welt bringst! 🙂 Ja, so wird die Welt ein Stück besser – wenn wir unsere Berührung, unsere Wertschätzung, unsere Sehnsucht, unserem Inneren Ausdruck verleihen. Dank Dir deshalb, dass Du das hier tust! Und schön, dass Dich meine Beiträge ansprechen 🙂
      Das Mantra-Singen, das Du ansprichst, gemeinsam mit anderen, halte ich auch für einen seehr wunder-vollen und zugleich kraftvollen Weg, Frieden in die Welt zu bringen. Ich habe mal gehört, dass wir nicht gleichzeitig singen können und Angst haben können – beides schließe sich quasi aus. Und dann hat man sogar mal gemessen, dass die Kriminalitätsstatistik in New York während einer groß angelegten Friedensmeditation in der ganzen Stadt tatsächlich signifikant niedriger war.
      Insofern wenn dein Herz davon träumt – bleib da dran! Es weist uns den Weg 🙂
      Herzensgrüße von Birte

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