Transgenerationaler Wandel – wie sich etwas wendet

Neben dem Alltag bin ich seit Wochen in dem nicht Greifbaren, Vorsprachlichen.
Ich habe schon einiges geschrieben über Trauma, jetzt bin ich gefühlt mitten drin, und bin sehr dankbar für eine Initiative von Elisabeth und Cornelia zur Kollektiven Transformation:
Ihr Kriegsenkel-Kongress wird vom Fr, 13. – 22.3. stattfinden.
Sie hatten mich um ein Interview gefragt. Erst habe ich mich gewundert, dann gefreut, dann war in mir eine Betäubung…bis heute.
Es gibt eine Ebene, die ich erfassen kann. Und etwas bleibt verborgen, unaussprechlich. Schreibend nähere ich mich dem…

Kriegskinder

Sabine Bode hat dieses Thema als Journalistin, Autorin und Pionierin in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Eine große Leistung bei all dem Widerstand, der ihr entgegen wehte: sie fand anfangs keinen Verleger. Kein Wunder, waren in den verantwortlichen Positionen doch alles Kriegskinder, die selbst funktionieren mussten, um zu überleben, um sich im Leben und Beruf zu behaupten. Sie hatten keinen Raum für ihre tiefen Wunden und familiäre Not.
Eine bemerkenswerte These von Sabine Bode ist, dass diejenigen, die man bisher von all dem Schlimmen verschont glaubte – diejenigen, die im Krieg noch kleine Kinder waren – genauso und auf ihre Art litten. Es sind die Jahrgänge 1935 – 1945.

Heute weiß man, dass Babys und Kleinkinder ihr Nervensystem erst noch ausbilden und dazu stabile und in sich ruhende Bezugspersonen brauchen. Fehlen die Eltern oder sind die selbst völlig instabil und in Überforderung, Angst und Schrecken, in Erstarrung aufgrund des Krieges, dann kann sich bei den Babys und kleinen Kindern kein stabiles, gesundes Nervensystem ausprägen. Sie zeigen ein Entwicklungstrauma.
Diese misslungene Bindung in frühen Jahren bedeutet später innere Haltlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Übererregung, Getriebensein und „ständig-unter-Strom-stehen“, Gedankenkreiseln, aber auch Antriebslosigkeit und innere Leere, Getrenntheit von der Welt, und bedingt oft auch vielfältige körperliche Symptome. Diese Bindungslosigkeit geben sie weiter an ihre Kinder.
All das kann überdeckt sein von einem äußeren Funktionieren, darunter aber ist Leid, das wartet bis es gesehen werden kann.
Untermauert wurde dieses Bindungstrauma durch den aus heutiger Sicht grausamen Erziehungsratgeber der Ärztin Johanna Harrer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ – ein Standardwerk über viele Jahrzehnte.

Noch dazu übernehmen Kriegskinder und Kriegsenkel transgenerational das Traumaerleben, was die Eltern erlitten haben und abspalten mussten.
Die Kinder übernehmen die nicht gefühlten Schocks, Verluste, Not, Gewalt, Vergehen an Frauen, Müttern, Geliebten. All die nicht gefühlten Gefühle. Oder die ausgeblendeten Bilder. Wie bei Traumata üblich werden diese Erlebnisse zersplittert, nicht zusammenhängend, abgespeichert. Die eine Person kann fühlen, aber sieht keinen Zusammenhang. Die nächste kann Bilder sehen, aber fühlt nichts.

Meine Eltern waren im Krieg ganz klein, aber sie waren auf keinem grausamen Flüchtlingstreck, haben keine furchtbaren Vergehen an Frauen erlebt, ihre Eltern keine Todesangst auf dem Schlachtfeld, im KZ, keine Täterschaft als SS… nichts Eklatantes in der Richtung.
Bis auf: meine Mutter verlor den Vater mit 4 Jahren. Er wurde bei Kriegsende nach Russland als Gefangener abtransportiert und starb kurz nach dem Transport an einer Durchfall-Krankheit.

Betäubung

Etwas in mir fragt:
Wie kannst Du etwas zu dem Thema sagen, wenn Du gar nicht so schlimm betroffen bist?

Und mir wird klar: Das ist das Alte. Ich weiß: die Scham ist die Schwelle, die mich zurückhält….. Davon lasse ich mich nicht mehr aufhalten. Also spreche ich:

Das Recht zu sprechen
bemisst sich nicht
nach dem Grad des Leids.

Ich spüre die Betäubung, wenn es um das Thema „Kriegskinder“ geht….
Ich spüre das gesamte Feld von Leid.
Es kommt mir so vor als nehme ich das ganze Traumafeld wahr.
Was ich spüre ist: das Unsagbare.
Und ich kann mir vorstellen, dass es Dir oder anderen auch so geht. Denn das ist das Normale bei Traumata. Das Unaussprechliche, nicht greifbare Leid.

Wie wäre es, wenn….?

…wir gemeinsam schweigen?
Wenn wir jetzt – lesend – beieinander sind, und dem Nicht-Fassbaren damit einen Raum geben…
Um zu erfassen, dass so vieles verschwiegen, versteckt, betäubt, zerstreut, überdeckt werden musste. Denn nur so konnte das Leben überhaupt weitergehen.

Wenn wir gemeinsam einfach nur da sind,
dann kann das auf-tauchen, was für das Leben untragbar war.
Dann ist ein Raum da, der bisher nie da war.

So viel Unaussprechliches, Unfassbares.
Jetzt sind wir beisammen. Und halten den Raum.
Wir schauen, wir können sehen, was nicht gesehen wurde. Es darf gesehen, benannt werden.
Es war, was es war: Verrat am Leben, unsagbare Verzweiflung, nicht endend.
Wir würdigen das unendliche Leid. Die unfassbare Not. Den unerträglichen Schmerz. Die maßlose Wut, die keinen Raum fand.

Die Rollen Opfer – Täter – Mitläufer, stiller Täter – Retter helfen uns nicht weiter.
Denn alle sind Verlierer in diesem Spiel.

Die Rollen können uns aber einladen, dass wir hinter sie schauen, dass wir uns fragen:
– Welches Gefühl, welches Leid, welches Schicksal, welcher Schmerz liegt darunter?
– Was musste bis jetzt verborgen bleiben?
Bis es auftauchen darf – wenn es passt und Zeit ist. Bis wir es sehen.

Die Wende

Wir würdigen das Ungesehene eines Blickes.
Wir lassen uns von dem Un-Fühlbaren berühren.
Wir spüren unsere Sprachlosigkeit.
Wir beginnen zu sprechen.
Wir spüren unsere Verbundenheit untereinander und zu all dem Leid oder einzelnen Betroffenen.
Wir fühlen Mitgefühl.
Wir verneigen uns vor ihnen und diesen Schicksalen und Erfarungen, die auch uns geprägt haben.

Wir verneigen uns davor, dass es so lange gedauert hat, all dies wirklich zu sehen.
Vor dem, dass so viel so lange weiter verdreht und verkannt wurde.
Dass Opfer nicht Opfer sein konnten.
Dass nicht benannt werden durfte, was geschah.
Dass es einen Wettbewerb des Leidens gab.
Dass es kein Recht zum Trauern gab.

Ich verneige mich auch vor allen Menschen, die jetzt ihren Bilder und Erinnerungen Ausdruck verleihen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und das Unsagbare beim Namen nennen. Ganz direkt. So dass wir es alle hören.

Unsere Seele weiß: es ist das, was es ist.

Sie führt uns: in die Untiefen, in die tobende, rasende, verzweifelte Wut, in den unsäglichen Schmerz, in die Unausweichlichkeit des Schlimmen.

Dort, erst dort kann ein Wunder geschehen, und die Not kann sich wenden.
Wenn wir an einen Nullpunkt, an einen Wendepunkt angelangt sind, in der Tiefe.
Ich verneige mich davor – vor allen Menschen, die sich dorthin wagen und diese Tür im Inneren nicht verschließen:
Menschen, die spüren, und die die Wut, die Verzweiflung, den Schmerz durch sich fließen lassen, die sich in die Ohnmacht hinein lehnen und sie sich ausbreiten lassen – das geht nur, wenn wir uns verbunden, gesehen, gehalten fühlen.
Dann kann ich die Ohnmacht spüren ohne dass ich sie bin, ich kann ihre Qualität erforschen. Ich bin vielmehr das Gefäß, der Raum, für das, was sich in mir und durch mich, meinen Körper ausdrücken möchte.
Wenn ich innerlich zustimme, die Gefühle einlade, dem Körper seinen Ausdruck lasse und beobachte, was auftaucht, Gefühle sogar genieße als das, was sie sind – als Extrem und als Energieausdruck im Körper – dann kann die Wende geschehen.

Dazu braucht es, dass wir uns gehalten, gewürdigt, gesehen, gehört fühlen, vorher geht es nicht. Wir dürfen merken: Jetzt kann es gut ausgehen. Jetzt ist ein Raum da, eine Würdigung, ein Mitgefühl. Wir können einander die Hand reichen und die Schulter zum Anlehnen.

Wir können uns untereinander verbinden, wie durch einen solchen Kriegs-Enkel-Kongress zu diesem kollektiven Thema.

Und: unsere Seele hat Kontakt zu den geistigen Helfern und Wesen, die uns begleiten und unterstützen. Sie können an diesem Wendepunkt in Erscheinung treten und uns helfen und heilen. Wir können in das Gesicht dieser Helfer-Wesen schauen, wir können sie bitten, unsere Hände in ihre zu legen. Wir können die Verbundenheit, das Getragensein spüren.

Wir bringen in spürenden Räumen Heilung, Bewusstwerdung und Wandel von innen nach außen. Verbindung in dieser Tiefe hat eine große heilsame Kraft.
Gefühle, inneres Wissen, Erinnerungen, wage Bilder, Ahnungen können ins Bewusstsein und zu uns zurückkehren.
Indem sie zu uns zurückkehren, kommen sie ins Große Ganze zurück.
Alles kehrt in die Einheit, zu Gott, zurück – das Gute und das Schlechte.

Das Neuland

Durch die gemachte, erlebte, gefühlte Erfahrung können wir wählen.
Denn wir wachsen als Gesellschaft, als Menschheit, aktuell in unsere Verantwortung. Wir sind in den Geburtswehen einer Neuen Zeit.
Die Menschheit wird erwachsen – mit allen Extremen, die wir je erlebt haben.

Die mutigen Seelen wagen sich ganz vor in die tiefsten Tiefen, in die absolute Dunkelheit, in die aussichtslose Trennung, in die totale Vernichtung, in die scheinbare Abwesenheit des Göttlichen. Um auch genau diese Bereiche zurück zu bringen ins Bewusstsein – und damit in das All-Eine. Die mutigen Seelen spannen damit einen weiten Raum auf, in den wir im Kollektiv künftig gehen können.
Das ist der Boden für das Neuland, das wir dabei sind zu betreten.
Wir erleben gerade die Zuckungen des Alten im System.

Und: jede einzelne Person, die sich auf diese Reise nach innen einlässt, befreit Lebensenergie.
Du betrittst neuen Boden und kannst endlich frei in DEIN Leben gehen!
Das ist das größte Geschenk, das Du Dir und allen machen kannst – denn Freude trägt sich weiter und wir alle freuen uns mit.

Danke Dir, Du mutige Seele, für Deinen soo besonderen Beitrag dazu. Ich kann gar nicht aussprechen welche Würdigung es brauchen würde, um dem gerecht zu werden….
Also einfach nur:

Ich verneige mich vor Dir.

Deine Frederike

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