Warum Müdigkeit, Depression, Burnout ein Zeichen von Talent sind

Wir sind eine müde Gesellschaft: Wir leben unseren Alltag und sind sehr beschäftigt.
Doch wir sind müde, nicht an unserem eigentlichen Platz und in unserer Größe zu sein.
Wir sind müde, Zielen hinterherzulaufen, die nur etwas versprechen, aber sich leer anfühlen.
Wir sind müde, Ungerechtigkeiten in der Welt zu begegnen, die zu groß sind als dass wir sie ändern könnten.
Wir sind müde, wenn wir unseren Kindern erzählen, vieles sei eben so.
Wir sind müde, nicht wirklich weiter zu wissen und doch weiter zu machen.
Wir sind müde, nicht den Zugang zu finden, nicht das Pulsieren des Lebens, die innere Berührung, die Verbundenheit zu spüren.
Diese innere Müdigkeit ist noch keine Depression oder bedeutet keinen Burnout.
Aber sie ist ein Grundmuster, das viele mitgebracht haben – und das etwas sehr Wertvolles und eine Chance für uns alle bedeutet.

1. Ursachen für Müdigkeit

Es sind wie es scheint vor allem die talentierten und sozial kompetenten Menschen, die innerlich müde werden.
Sie waren schon als Kinder diejenigen, die am ehesten gemerkt haben, wie es den Eltern geht und was diese an Spannungen in sich tragen. Diese Kinder haben es ihnen abgenommen so gut es ging. Natürlich ging es nicht wirklich, aber diese talentierten Kinder haben aus Verbundenheit und Liebe die Belastungen ihrer Eltern getragen. Sie haben ihre Eltern aufgeheitert, abgelenkt, sie haben lieber selbst die Schuld auf sich genommen, oder sie haben gelernt, sich unauffällig zu verhalten, um nicht zur Last zu fallen, und sie haben die Stimmungen in ihrem Körper aufgesogen.

Sie haben ihre Antennen ausgefahren und gespürt, wie die Lage ist und haben passend darauf reagiert.
Das Erfüllen von impliziten Erwartungen ist zum Grundmuster ihres Lebens geworden. Ihr Synapsensystem im Gehirn hat sich darauf geprägt.
So feine Antennen zu entwickeln und sich gut auf das Gegenüber einzustellen, ist eine besondere Fähigkeit. Es ist ein Talent.
Nur, wenn es zum Ausgleich keine emotional wärmende Stabilität gab, dann ist genau dieses Muster das eigentliche Fundament des Lebens und Erfolgs geworden.
Unter besonderen Umständen kann dieses Muster – es muss es nicht – später in eine Depression oder Burn Out führen*.

*Anmerkung: Dieser Text erhebt nicht den Anspruch, medizinischen oder fachlichen Rat zu geben oder fachliche Expertise zu bieten. Ich beschreibe darin, was ich gelernt habe und was mich meine Lebenserfahrung, meine persönlichen Kontakte, Inspirationen aus Büchern (empfehlenswert: Josef Giger-Bütler) und das Leben selbst mich gelehrt haben. Jede/r möge sich nur das annehmen, was für ihn oder sie stimmig erscheint oder möge sich auch gern an Fachleute wenden.

Wenn das Muster, dass erst außen geschaut werden muss, was angesagt ist, automatisiert ist, dann wird der eigene Lebensimpuls kaum wahrgenommen. Eigenen Bedürfnisse und Gefühle sind wie ausgeblendet.
Aber es macht müde, das Eigene auszublenden, um die erwartete Leistung und das passende Verhalten zu bieten. Es ist ein Muster der Überforderung.
Wie geht es dann weiter – mit dieser Müdigkeit?

2. Zurück zu sich selbst

Es beginnt damit, das anzunehmen, was gerade ist und es nicht mehr anders zu wollen als es ist:
Es ist in Ordnung müde zu sein.
Es ist in Ordnung, Erwartungen nicht zu erfüllen – weder fremde noch die eigenen an sich selber.
Es ist in Ordnung, sich zurück zu ziehen und Zeit für sich zu brauchen.
Es ist in Ordnung, sich selbst nun an die erste Stelle zu setzen.

An diesem Punkt wird es spannend ;-) denn der Organismus hat sich eingeprägt, dass es gefährlich ist, wenn das Muster nicht mehr bedient wird. Wenn also die Antennen nicht mehr draußen sind und die Erwartungen nicht mehr erfüllt werden.
Spätestens dann wird der Verstand Alarm schlagen, um mit Durchhalteparolen oder Abwertungen zum Muster zurückzukehren: „Das ist ja furchtbar wie du dich verhältst…“ – „Wie kannst du nur…“ -„So kann aus dir ja nie etwas werden…“ – „Du musst doch etwas tun…“ – „Reiß dich doch zusammen…“  Angst oder Schreckensszenarien können sich aufbauen, der Druck zu handeln und wie üblich gemäß dem Muster zu reagieren wird groß.

Genau dann hilft es, den eigenen Körper zu spüren und die größte Liebe, die gerade möglich ist, mit jedem Atemzug einzuatmen. Oder einfach in dem Moment mit einem Haustier oder eine Pflanze, einem Baum Kontakt aufzunehmen.
Einfach nur das. Mehr nicht. Alles Äußere ist gerade nicht wichtig, nur das Sich-nach-innen-wenden und das Fühlen. Das Fühlen ist der Schlüssel, denn das versuchen wir mit all dem Streben ja oft zu vermeiden.
Durch das Zurückkehren zu uns selbst und das Fühlen dessen, was da ist, können wir die inneren kindlichen Anteile, die sich so sehr angestrengt haben, die so sehr beschäftigt waren, so viel getragen haben, wahrnehmen. Wir spüren sie und würdigen sie. Sie dürfen sich zurücklehnen und ihre Last wieder abgeben. Die Zeit, dass sie alles getragen haben, ist vorbei. Sie dürfen wieder kindlich sein und sie dürfen die Liebe und das Gesehen-Werden bekommen, das sie gebraucht hätten.

3. Wertschätzung für sich selbst und danach handeln

Was es braucht, ist, Wertschätzung für sich selbst zu entwickeln.
Es ist gut, jedes Mal zu sich selbst zurückzukehren, wenn man merkt: es ist wieder Zeit zum Auftanken
Mir ist es vor Jahren beim Einkaufen öfter passiert, dass ich das zweite oder dritte Geschäft durchstreifte und mir auffiel, dass mir gar nicht nach Einkaufen zumute war, dass mir die Menschen zu viel und ich innerlich müde wurde.
Dann bin ich einfach wieder nach Hause gefahren und habe es mir dort gemütlich gemacht oder auch Termine abgesagt, weil ich merkte: „Ich gehöre momentan nicht in die Fußgängerzone, ich gehöre nach Hause.“

4. Entdeckung der Langsamkeit und Geduld

Es ist ungewohnt und neu, dass die eigenen Bedürfnisse und das Wohlwollen mit sich selbst jetzt zum Zentrum des Universums werden sollen, wo es bisher die anderen oder auch die inzwischen verinnerlichten Erwartungen waren.
Jetzt gilt es, mit dem eigenen Inneren stetig Kontakt aufzubauen und wieder die eigenen Impulse, Gefühle und Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen. Und langsam zu werden, nicht „schnell“ alles erfüllen und abarbeiten.
Es gilt, die Gefühle der Spannung, die das erlernte Muster verursacht, wenn es nicht bedient wird, beständig auszuhalten, und das braucht eine liebevolle Beharrlichkeit.
All das im Wohlwollen mit sich selbst auszuhalten – auch wenn es nach außen wie Nichtstun aussieht – ist eine große Leistung und eine sehr kraftvolle Transformationsarbeit.
Der Weg aus dem außen-gerichteten Muster heraus fällt schwer, er bedeutet eine Unsicherheit, ein Gehen auf morastigem Grund, allein und ohne die Gewissheit, dass der Boden trägt.

De facto ist es wie die Schildkröte Kassiopeia in dem Roman „Momo“ von Michael Ende: je langsamer sie geht, umso zügiger kommt sie auch im Außen voran – paradoxerweise, während die grauen Herren in ihren schnellen Wagen nicht vom Fleck kommen.

5. Einen neuen Lebensstil beginnen

Und gleichzeitig gibt es Lichtblicke: eine Freude und Ruhe kehrt bei kleinen Dingen des Alltags ein. Nicht bei großen, erreichten Zielen, sondern bei einer Begegnung in der Natur, beim Anblick eines plätschernden Bachs, bei einer schönen Musik…
Die Langsamkeit, die Würde, das Vorwagen in liebevolle, neue Gefilde wird Stück für Stück zum neuen Lebensstil. Vertrauen ins Leben darf wieder wachsen, mit jedem Atemzug, mit jedem liebevollen Gedanken an sich selbst, mit jedem Innehalten und Zu-Sich-Zurückkehren.

Es gibt  auch Rückfälle in das alte Muster, das weiterhin zieht und zerrt. Das gehört dazu. Es war ja die Basis. Aber würde man gleich erfolgreich sein und alle Erwartungen erfüllen wäre es ja nur wieder – das alte Muster…
Mit jedem wohlwollenden „Ah, da bist du ja wieder“ bauen wir an einer neuen Basis. Und bleiben weiter beständig bei uns, außerhalb der Erwartungen – trotz Unbehagen oder nagender Angst.

6. Gesellschaftliche Muster verlassen

Der deutschsprachige Raum und seine Geschichte ist sehr von Gehorsam und Folgsamkeit geprägt – bis in seinem Extrem. Das wurde schon Babys anerzogen. Wer mag, kann seine Eltern oder Großeltern fragen, ob sie die Erziehungsfibel von Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ kannten.
Das Strickmuster der Leistungs-Gesellschaft „Du bist nur gut, wenn du Erfolg vorweisen kannst und Erwartungen erfüllst“ sind bis heute solche Muster, die genau dieses Streben nach äußeren Maßstäben fordern.
Es sind unsere kollektiven Muster.
Wenn die Komplexität in unserer Welt zunimmt, alles schneller wird, die Unsicherheit steigt, greifen bei den sozial talentierten die erlernten unguten Muster – bis zur Grenze der Belastbarkeit.

Jede/r, der für sich den Weg verlässt, innere und äußere Erwartungen zu bedienen und stattdessen lernt, im Moment zu leben und seinen Gefühlen zu folgen, prägt einen neuen Lebensstil.
Er steigt nicht nur aus dem eigenen, sondern aus dem gesellschaftlichen Muster aus. Und das ist ein soo wertvoller Schritt. Und ein Dienst für uns alle. Ich danke zutiefst allen, die diesen herausfordernden Weg wirklich gehen, denn ich weiß was es bedeutet.

Kassiopeia könnte zum Lebensmodell für uns alle werden.
Denn sie zeigt uns den Weg zurück ins Leben.
Jedem einzelnen und auch uns als Gesellschaft.

Konntest du damit etwas anfangen, was ich schreibe?
Spürst auch du innere Spannung und einen Zug, wenn du dich anders verhältst als Erwartungen?
Und kennst du das Muster des Tun-Müssens?

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